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John Strelecky „Das Café am Rande der Welt“

Bevor ich an dieser Stelle meinen Eindruck über den Inhalt des Buches wiedergeben möchte, muss ich eine Selbstreflexion vornehmen. Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, war ich bitter enttäuscht. In fast allen Medienbereichen, in denen ich unterwegs bin, wurde das Buch hoch gelobt und nahezu gehypt. Meist bin ich bei solchen Trends pessimistisch und es hat auch eine ganze Weile gedauert, bis ich mich dazu entschloss, dieses Buch zu lesen. In den meisten Rezensionen wurde das Buch als Grundlage für die Persönlichkeitsentwicklung schlechthin gepriesen. Ein Buch, welches mein Leben und meine Sichtweise tiefgreifend zum Positiven verändern kann. Also setzte ich mich, voll mit freudigen Erwartungen, hin und begann, zu lesen. Ich bin eine Schnellleserin (jedenfalls wurde mir dies gesagt) und las die 128 Seiten für meine Verhältnisse langsam und bedächtig. Ich brauchte zwei Abende. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten.

1. Enttäuschung:

Wenn es eine wahre Geschichte ist, dann sind mir einige Stellen zu mystisch, zu unvorstellbar. Zum Beispiel berichtet John mehrmals im Buch, dass seine Gesprächspartner ihm Fragen beantworten, die er sich gerade in diesem Moment gedanklich gestellt hat, sozusagen konnten sie seine „Gedanken lesen“. Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass man in manchen Situationen erahnt, was dem Anderen gerade durch den Kopf geht, so glaube ich nicht daran, dass es dieses Phänomen „Gedanken lesen“ gibt. Zumindest wurde ich bisher noch keines Besseren belehrt.


2. Enttäuschung:

Sich mit dem Sinn des eigenen Lebens zu beschäftigen, ist für durch meine Arbeit nichts Neues, Ungewöhnliches oder Fremdartigen. Das Buch konnte mir demnach auf dem ersten Blick nichts Neues bieten.


3. Enttäuschung:

Möglicherweise habe ich auch die Erwartung gehabt, dass in diesem Roman dem Leser eine Anleitung an die Hand gegeben wird, WIE man denn nun seine Bestimmung finden kann, also praktisch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, welche einen in ein erfülltes Leben führt. Damit waren meine Erwartungen definitiv zu hoch und wurden (selbstverständlich) gnadenlos enttäuscht.


Und da wurde ich nun zurückgelassen, mit all meiner Traurigkeit, mit meinen weiterhin offenen Fragen und mit meiner Wut auf den Autor, auf all die anderen Rezensenten und natürlich auf mich selbst, weil ich glauben wollte, dass ein Roman alles in meinem Leben verändern kann, nur indem ich ihn lese. Ich legte das Buch weg und begann den zweiten Teil „Wiedersehen im Café am Rande der Welt“ zu lesen. Doch schon nach den ersten paar Seiten spürte ich einen immer größer werdenden Widerstand gegenüber der Geschichte und auch gegenüber dem Autor, so dass ich es für besser hielt, die Fortsetzung nicht unter dem Einfluss dieser starken unangenehmen Emotionen zu lesen, welche die Botschaften und die Erzählungen negativ eintönten.


Ein paar Wochen später wurde ich durch Zufall wieder mit dem Thema „die eigene Bestimmung finden“ konfrontiert. Mir fiel sofort wieder das Buch von John Strelecky und die damit verbunden Enttäuschungen und unangenehmen Gefühle ein. Doch da ich mir als mein neues persönliches Ziel das Finden meiner Berufung gesetzt und das Buch zumindest bei anderen für viel Begeisterung gesorgt hatte, beschloss ich, die Geschichte von John noch ein zweites Mal zu lesen und zu schauen, ob sich meine Gefühle vom ersten Mal wiederholen würden. So begab ich mich abermals zum Café am Rande der Welt.


2. Chance:

An dieser Stelle möchte ich kurz und grob die Geschichte, die John über sich selbst erzählt, wiedergeben.

John Strelecky berichtet von einer Reise, die mit einer Verirrung beginnt und mit tiefgreifenden Veränderungen für sein Leben endet. Er landet in einem Café und trifft dort auf Menschen, mit welchen er sich über den Sinn des Lebens unterhält. Nie zuvor mit dieser Frage konfrontiert, erhält John in seinen Gesprächen philosophische Einblicke in grundlegende Themen unser alltägliches Leben: Was ist der Zweck meiner Existenz? Welches Konsumverhalten möchte ich praktizieren? Welche Dinge möchte ich nicht erst tun, wenn ich dafür Zeit habe? Wie finde ich heraus, was der Zweck meiner Existenz ist?

Das Ende ist wenig spektakulär: John überdenkt und ändert seine Einstellungen und somit auch sein Verhalten.


Einige Passagen haben mich besonders angesprochen und mich emotional berührt, so dass ich darauf intensiver eingehen möchte.


Der Fischer und der Geschäftsmann

Da ist zum Beispiel die Geschichte vom Fischer und dem Geschäftsmann. Ich könnte an dieser Stelle diese Geschichte nacherzählen, denn sie scheint nicht urheberrechtlich geschützt zu sein (sie tauchte auch schon an anderen Stellen wieder auf), jedoch möchte ich nicht spoilern. Doch was die Geschichte mit mir gemacht hat, finde ich schon recht beeindruckend. Ich stellte mir die Frage, warum wir so viel Zeit damit verbringen, uns auf die Zeit vorzubereiten, in der wir alles tun können, was wir möchten, anstatt es sofort zu tun? Ist es nicht total blöd, anzunehmen, wir hätten ewig Zeit? Ist es nicht besser, jeden Tag Spaß zu haben, anstatt irgendwann, wobei das Irgendwann auch noch ungewiss ist? Diese Fragen und vor allem meine ganz persönlichen Antworten auf diese Fragen haben dazu geführt, dass ich über viele meiner alltäglichen Routinen nachgedacht habe und feststellen musste, dass ich mir teilweise das Leben selbst schwer mache. Heute stelle ich mir bei allen Tätigkeiten, welche ich nicht so gerne tue oder wo ich denke, ich müsste diese in einem bestimmten Turnus tun, folgende Fragen:

  • Bedroht das Nichtausführen der Tätigkeit unsere Existenz oder ist dadurch unser Überleben gefährdet?

  • Geht es mir oder jemanden aus meiner Familie schlecht oder schlechter, wenn ich diese Tätigkeit nicht oder später mache?

  • Kann es möglich sein, dass ich zu einem anderen Zeitpunkt Spaß an dieser Tätigkeit haben werde?

  • Hat ein anderes Familienmitglied Spaß an dieser Tätigkeit?

  • Ist diese Tätigkeit meinen Zielen dienlich?


Der Teufelskreis des Geldausgebens und Geldeinnehmens

An einer Stelle des Buches wird der extreme Konsumrausch unserer Gesellschaft angesprochen. Sicherlich gibt es mittlerweile so einige Bewegungen, die sich dem entgegenstellen (Minimalismus, Plastikfrei leben zum Beispiel), doch gehen Sie einmal in die Einkaufsstraße oder in eine Einkaufspassage einer Großstadt, stellen Sie sie an eine beliebige Stelle und beobachten Sie, wie viele Menschen an Ihnen vorbei eilen, wie viele Einkaufstüten sie in den Händen halten, wie oft Sie jemanden mit einem Café to go sehen. Schätzen Sie einmal, wie viel Geld in diesem Moment ausgegeben wird, für Dinge, die vielleicht gar nicht gebraucht werden. Oder gehen Sie doch bitte jetzt einmal zu Ihrem Kleiderschrank und suchen Sie bitte das Kleidungsstück heraus, welches Sie vor circa eins bis zwei Jahren gekauft und kaum oder vielleicht gar nicht angezogen haben. Wie viele Teile von dieser Sorte schlummern in den Tiefen Ihres Schrankes? Warum habe Sie dieses Stück damals gekauft? Warum ist es immer noch in Ihrem Schrank? Im Buch wird darauf eingegangen (im Gespräch mit einer Wirtschaftswissenschaftlerin) warum wir bereit sind, für Dinge, welche wir eventuell gar nicht benötigen, viel Geld auszugeben.

Folgende Fragen stelle ich mir seither, bevor ich etwas kaufe:

  • Bedroht das Nichtkaufen dieser Sache unsere Existenz oder ist dadurch unser Überleben gefährdet?

  • Geht es mir oder jemanden aus meiner Familie schlecht oder schlechter, wenn ich diese Sache nicht oder später kaufe?

  • Ist diese Sache meinen Zielen dienlich?

  • Wie viel und wie lange bringt mir und meiner Familie diese Sache Spaß und gibt es eventuell Alternativen, die genauso viel Spaß bringen und weniger Geld kosten?

  • Wenn ich anstatt Geld meine Lebenszeit für diese Sache bezahlen müsste, wie viel meiner Lebenszeit wäre mir diese Sache wert?


Ich möchte Sie von ganzem Herzen dazu einladen, sich das oben geschriebene, die entsprechenden Dialoge im Buch und die Fragen zum Kaufen von Sachen nicht nur oberflächlich anzuschauen. Reflektieren Sie intensiv die Erklärungen, stellen Sie eine Verbindung zu Ihrem eigenen Verhalten und Leben her, stellen Sie Ihre Handlungen in Frage.


Wie finde ich den „Zweck meiner Existenz“?

Ich muss gestehen, dass ich beim ersten Mal Lesen auf diese Frage keine Antwort gefunden habe und ich glaube, dass ich deswegen auch so sehr von diesem Buch enttäuscht war. Nun, beim zweiten Mal Lesen, fiel mir eine Textpassage auf, welche ich wohl zu schnell überflogen hatte. In diesem Teil unterhalten sich John und Casey genau über diese Frage und wie man die Antwort darauf findet. Beim erstmaligen Lesen fand ich diese Unterhaltung oberflächlich und nichtssagend. Doch dieses Mal hat mich das Gespräch zum Nachdenken, zu eigenen Reflexionen angeregt. Zum einen fiel mir die Bemerkung auf, dass die Antwort in uns liegt und wir sie oft nur hören können, wenn wir uns in die Stille begeben, zum Beispiel durch Meditation. Bei der Meditation stehe ich selbst noch am Anfang, bin aber nun noch mehr gespannt, ob und was es bewirkt. Zum anderen wurde mir klar, dass man bei einigen Dingen nur herausfinden kann, ob sie für einen selber funktionieren, wenn man sie ausprobiert. Hört sich eigentlich ganz einfach an. Ob es das auch ist?


Fazit

Ich glaube, dass diese Rezension keine endgültige Fassung sein wird. Ich glaube, je nachdem für welches Thema wir gerade empfänglich und bereit sind, werden in uns beim mehrmaligen Lesen unterschiedliche Buchabschnitte verschiedene Emotionen zum Schwingen bringen. Mal wird es eine Emotion sein, die uns vielleicht dazu bringt, das Gelesene abzulehnen. Ein anderes Mal wird es ein Gefühl sein, welches uns dazu antreibt, uns näher mit diesem Thema zu beschäftigen. Von daher denke ich, dass dieses Buch kein Buch ist, welches man nach einmaligem Lesen und Meinung bilden weglegen sollte. Ich denke, dass es bei jedem Lesen etwas Anderes in uns auslöst und diese Chance sollten wir nicht ungenutzt lassen.


Ich finde es toll, dass das Buch so viele Leser findet und anscheinend den Nerv der Zeit trifft. Ich hoffe, dass der ein oder andere Leser tatsächlich über sein bisher geführtes Leben nachdenkt und eventuell dazu bereit ist, Veränderungen herbei zu führen, um ein für ihn sinnvolleres, erfüllteres Leben zu führen.


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Falls Sie mir Ihren Eindruck zum Buch oder zu meiner Rezension mitteilen möchten, hinterlassen Sie mir gerne einen Kommentar zu diesem Artikel.





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