• wenkekroschinsky

Vertane Zeit

Manchmal sitze ich abends da, schaue auf den Tag zurück und sehe all die unerledigten Dinge. Dann frage ich mich: „Was hast du nur den ganzen Tag gemacht?“ Da ein bisschen aufgeräumt, hier ein paar Waschmaschinenladungen gewaschen, auch mal bei Facebook und Pinterest reingeschaut. Wie viel Zeit habe ich heute für Dinge verschenkt, die mich nicht weiterbringen? Wie viel Sachen habe ich getan, die ich glaubte, tun zu müssen, mir aber keinen Spass machten und immens viel Lebenszeit kosteten? Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich, so lautet ein kluger Satz. Doch warum ist am Ende des Tages so viel Unerledigtes übriggeblieben, obwohl ich kaum Pausen gemacht habe?


Die Schlummertaste habe ich morgens mehrmals gedrückt, weil ich mich den Abend zuvor nicht vom Fernseher lösen konnte. Da ist der Sport, den ich mir vorgenommen habe, dreimal wöchentlich auszuüben, um dann freitags festzustellen, dass ich es nicht ein einziges Mal geschafft habe. Eine Mahnung flattert ins Haus, weil ich wieder einmal vergessen habe, die Rechnung rechtzeitig zu überweisen. Lebensmittel verderben im Kühlschrank, weil ich erst ans Essenzubereiten denke, wenn der Hunger schon übermächtig gross ist und ich mich schnell an einem Imbiss versorge. Und dann gibt es noch den pubertierenden Sohn, der permanent Hunger hat und jeden Tag fragt, was ich gekocht habe und jeden Tag lautet meine Antwort „Nix.“ Das Unkraut im Garten ist mittlerweile grösser als die Blumen, weil ich nach einem langen Arbeitstag nicht auch noch in meiner Freizeit arbeiten möchte. Die beste Freundin reagiert schon leicht ärgerlich, weil ich sie nun zum wiederholten Male versetze. Die Küche bleibt nach dem Abendessen unaufgeräumt, weil ich bei Pinterest versackt bin. Meine Tochter hat schon die zweite Aufforderung in ihrem Hausaufgabenheft, sich einen neuen Umschlag für das Deutschbuch zu zulegen. Ihre Bitte, noch abends mit ihr ein Spiel zu spielen, muss ich natürlich ausschlagen, weil ich viel zu müde bin. Abends dann der Blick in den Spiegel und die beschämende Feststellung, dass ich meine Haare doch nicht gewaschen habe.


Ich renne und renne und komme doch nicht an. Ich arbeite und wusele und werde doch nicht fertig. Das ärgert mich masslos und zum x-ten Male nehme ich mir vor, mich besser zu organisieren und zu strukturieren. Wie haben denn meine Grosseltern das alles hinbekommen? Sie waren Vollzeit arbeiten, hatten einen Bauernhof zu bewirtschaften und Tiere zu versorgen, Kinder lebten auch im Haushalt. Und die anderen Mütter, die ich kenne, scheinen das ja auch alles unter einen Hut zu bekommen. Was ist deren Geheimnis?


Ich setze mich hin und recherchiere im Internet und in meinen Fachbüchern nach Lösungen. Diese werden mir auch in Hülle und Fülle präsentiert. Ich soll Routinen entwickeln, dann fällt es mir leichter, am Ball zu bleiben. Ich soll Dinge, die weniger als fünf Minuten dauern, sofort erledigen. Ich soll Aufgaben an meine Familie delegieren. Ich soll mir Tages- und Wochenpläne erstellen. Ich soll mich minimalisieren. Ich soll zeitiger aufstehen. Ich soll medial detoxen. Ich soll das alles nicht so ernst nehmen. Und so weiter und so fort. Nach einem halben Tag lesen der Ratschläge bin ich müde und überfordert. Und geändert habe ich nichts. Wie gerne wäre ich durchorganisiert und hätte nicht immer das Gefühl, nicht hinterher zu kommen. Doch ich weiss aus vielem Ausprobieren, dass ich den besten Plan nicht auf Dauer einhalte. Dann kommt eine Woche mit vielen ausserplanmässigen Terminen, oder jemand wird krank, oder das Auto geht plötzlich kaputt und muss in die Werkstatt, oder es kommt unangemeldeter Besuch, oder wir haben spontan Lust, am Wochenende einen Ausflug zu machen. Und schon ist der Plan null und nichtig. An diesem Punkt gebe ich dann auf und verfalle in alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster. Dies geht dann solange, bis ich mich wieder eines Tages frage: „Was hast du heute eigentlich den ganzen Tag gemacht? Warum stehen immer noch so viele Dinge auf deiner To-do-Liste?“


Und dann gibt es Tage, da erkenne ich die Antwort. Manchmal undeutlich und kaum erkennbar, manchmal klar und präzise. Manchmal schreit sie mir regelrecht ins Gesicht: „Hör auf, deine Zeit zu vergeuden! Du hast nur dieses eine Leben! Was ist DIR wichtig? Was willst DU in deinem Leben erreichen? Geh jeden Tag einen kleinen Schritt darauf zu!“


Das ist meine Antwort. Und was ist Ihre?


Herzlichst, Wenke Kroschinsky

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