• wenkekroschinsky

Bauchgefühl versus Verstand

Ich bin ja eher so der Kopfmensch. Wenn ich etwas entscheiden möchte, dann schaue ich mir die Vor- und Nachteile der Konsequenzen meiner Entscheidungsmöglichkeiten an und oft gewichte ich diese Konsequenzen dann noch. Wobei mir diese Art der Entscheidungsfindung auch schon unangenehm auf die Füße gefallen ist. Wenn ich Probleme lösen oder mein Verhalten nachhaltig ändern möchte, dann gehe ich sehr analytisch vor. Ich formuliere meine Ziele konkret und messbar. Ich erarbeite mir Strategien für die Zielerreichung. Ich eigne mir das notwendige Know-how für die Umsetzung meiner Pläne in Eigenregie an. Und erst wenn mir alles nahezu perfekt scheint, fange ich an, diese Lösungsstrategien umzusetzen.

Dieser Prozess kostet mich sehr viel Zeit und Kraft und auch mal die ein oder andere schlaflose Nacht. Das habe ich bisher als nicht schlimm empfunden, denn ich liebe es, Pläne zu schmieden und strukturiert vorzugehen. Leider fällt mir in letzter Zeit immer öfter auf, dass ich nicht alle meine Pläne umgesetzt bekomme, dass nicht alle diese Strategien funktionieren. Oftmals liegt es an meinem Durchhaltevermögen. Jede Verhaltensänderung bedarf viel Übung im Alltag. Alte Automatismen aufgeben und neue Routinen etablieren. Und dann passiert es mir nicht selten, dass mir die Puste ausgeht, dass es mir zu anstrengend wird und ich wieder in altbekannte und somit ohne Anstrengung ausführbare Verhaltensmuster zurückfalle. Oft gebe ich dann mein ursprüngliches Ziel auf beziehungsweise lasse es eine Weile ruhen, bis ich erneut an einen Punkt komme, wo dieser Veränderungswunsch wieder in meinen Fokus rückt und mich der Ehrgeiz packt, es noch einmal zu versuchen.


Auch in meinem beruflichen Alltag habe ich mehr Klienten, die genauso mit dem Kopf entscheiden und versuchen, mit ausgefeilten Plänen Probleme zu lösen, als dass sie auf ihr Gefühl hören. Nun beschäftige ich mich schon seit einer Weile mit Achtsamkeit und Meditation und dort spielen die Gedanken und der Verstand eine eher untergeordnete Rolle. Beide Techniken fokussieren auf das Wahrnehmen der Dinge mit allen Sinnen, also mit dem Sehen, dem Hören, dem Riechen, dem Spüren und dem Schmecken. Außerdem spielen Bewertungen keine Rolle. Alles was da ist, ist eben da und wird nicht in gut oder schlecht, angenehm oder unangenehm einsortiert. Diese Art des Bewusstseins war völlig fremd für mich. Mein analytisch geprägtes Gehirn hat weiter munter im Hintergrund geplappert und geurteilt und mir die Konzentration auf den jetzigen Moment sehr erschwert. Hinzu kommt noch, dass ich gut geübt darin bin, Gefühle zu verdrängen (vor allem die unangenehmen Emotionen) und mir Gefühle nicht anmerken zu lassen. So gibt es auch heute noch Tage, wo ich mich nicht auf Achtsamkeitsübungen oder Meditationssitzungen einlassen kann. Ich komme dann einfach nicht in die Beobachterrolle und habe keine Lust, mir meinen Gefühlen bewusst zu werden und sie tatsächlich zu fühlen. In diesen Phasen würde ich diese Übungen dann am liebsten ganz sein lassen und sie nie wieder machen wollen. Auf der anderen Seite faszinieren mich die Berichte von Menschen, welche von ihren positiven Erfahrungen mit Achtsamkeit und Meditation berichten. Sie beschreiben, dass sie sich, seitdem sie sich ihren Gefühlen zuwenden und diese bewusst wahrnehmen, weniger gestresst fühlen, gelassener durch den Alltag gehen, intensiver leben und am Leben teilhaben können und eine Art inneren Frieden verspüren. Und auch ich habe immer häufiger Momente, wo ich am eigenen Körper die positiven Auswirkungen erleben darf. Diese Erfahrungen und meine Liebe zu wissenschaftlichen Studien, welche die Wirkungsweise von psychologischen Methoden untersuchen, haben bei mir folgende Frage aufgeworfen: Welcher Weg, Gefühl versus Verstand, ist die bessere Grundlage, um Entscheidungen zu treffen, Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen?


Was uns die Intuition versagt, können wir oft durch Fleiß und Beharrlichkeit erreichen.

Zitat von Uli Löchner


Mit der Zunahme der Komplexität unserer Welt und dem Wunsch, nach mehr Kontrolle über unser Leben, bekamen rationale und logische Überlegungen beim Treffen von Entscheidungen und Lösen von Problemen immer mehr Bedeutung. Immer mehr gilt es, sich Wissen anzueignen und Regeln zu beachten und dabei lernen wir von anderen, hören auf ihren Rat und machen uns somit auch ein Stück weit von den Meinungen anderer Menschen abhängig. Wenn wir versuchen, mit unserem Kopf und Verstand zu arbeiten, dann erstellen wir Pro- und Kontralisten, wägen die jeweiligen Konsequenzen unserer möglichen Entscheidungen ab und suchen in unserem Gedächtnis nach ähnlichen Situationen und den damit gemachten Erfahrungen. Bei Problemen analysieren wir den Grund für diese, setzen uns Ziele und entwickeln Vorgehensweisen, wie wir vom Ausgangszustand zum Wunschzustand kommen. Dieses Vorgehen ist sehr zeit- und energieaufwendig. Wir verbringen tagelang damit, alle möglichen Vor- und Nachteile zu sammeln, fragen Freunde und Verwandte nach ihren Meinungen und beschäftigen uns häufig noch beim Einschlafen mit diesen Entscheidungen, so dass unsere Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Unsere mentalen Ressourcen werden dabei nicht selten überstrapaziert. Und auch wenn anhand unserer Gegenüberstellungen eine Alternative glasklar die Gewinnerin ist, fühlen wir uns oft dennoch verunsichert, ob dies denn nun die „richtige“ Entscheidung ist.


Mit Logik kann man Beweise führen, aber keine neuen Erkenntnisse gewinnen, dazu gehört Intuition.

Zitat von Henri Poincaré


Der andere Weg, auf das Bauchgefühl hören, liegt tief in unserer evolutionären Entwicklung verwurzelt. Hierbei können wir binnen weniger Sekunden oder gar Millisekunden automatisch und oft auch unbewusst erfühlen, ob etwas richtig oder falsch, gut oder böse, ungefährlich oder lebensbedrohlich ist. Auf diesem Weg können wir schnell und effektiv auf äußere Reize und Situationen reagieren. Vor allem das Gefühl der Angst war bei unseren steinzeitlichen Vorfahren ein überlebensnotwendiger Wegweiser durch die Gefahren des damaligen Alltags. Unser Gefühlszustand ist in der Lage, uns Hinweise auf die Kosten und Nutzen einer Aktivität anzuzeigen. Erleben wir eine angenehme, wohlige Emotion, so schätzen wir die Kosten für unser Leben als gering und den Nutzen als hoch ein. Umgekehrt schätzen wir bei einem unangenehmen Gefühl die Kosten als hoch und den Nutzen als gering ein.

In mehreren Studien wurde nun gegenübergestellt, welcher Weg bei Entscheidungen der erfolgreichere sei. Das Ergebnis in der Kurzversion: Es hängt von der Situation ab.


Der menschliche Geist ist mehr intuitiv als logisch und begreift mehr, als er koordinieren kann.

Zitat von Luc de Clapiers


Wenn wir Entscheidungen treffen sollen, wo viele unterschiedliche Faktoren beachtet werden sollten, dann ist unser rationales System recht schnell überfordert und wir treffen bessere Entscheidungen, wenn wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen. Auch unter Zeitdruck sind unsere gefühlsmäßigen Entscheidungen qualitativ besser als die logischen Entscheidungen. Weiterhin wurde herausgefunden, wenn man einmal eine Entscheidung aus der Intuition heraus getroffen hat, dass man diese dann nicht noch einmal mit analytischem Verstand überdenken sollte, da dies dann zu einer schlechteren Entscheidung führen würde.

Ein weiterer Faktor, welcher über den besseren Entscheidungsweg entscheidet, ist die Vertrautheit einer Situation. Wenn wir eine Situation schon oft erlebt und mit ihr häufige Erfahrungen gemacht haben, ist eine intuitive Entscheidung effektiver als eine logische Entscheidung. Wenn wir allerdings eine Entscheidung zu etwas treffen sollen, was uns nicht sehr vertraut ist und wir nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen können, dann ist der abwägende, verstandesgeleitete Weg der günstigere.


Intuition ist der natürliche Gegenpol zur Konzentration – nutzen sollte man beides, jedes zu seiner Zeit.

Zitat von Rüdiger Keßler


Mein Fazit

Den einen Königsweg scheint es nicht zu geben. Es ist erwiesen, dass manche Menschen sich eher intuitiv entscheiden und es gibt die Kopfmenschen, welche jede Entscheidung analysieren. Da es ja im Leben immer um Anpassung und Flexibilität geht, wäre es wohl ratsam, dass Menschen, welche sehr verkopft sind, wieder erlernen, auf ihre innere Stimme zu hören. Und umgekehrt könnte es für Menschen, welche stets aus dem Bauch heraus handeln, sinnvoll sein, sich auch einmal mit dem analytischen Prozess auseinanderzusetzen. Vor allem in komplexen Entscheidungssituationen scheint es ratsam, mal nach innen zu schauen und seinen Gefühlen zu vertrauen. Nun habe ich ja eingangs schon geschrieben, dass ich selbst der Typ Kopfmensch bin und ich noch keinen schnellen und leichten Zugang zu meinen Gefühlen habe (wobei dies schon sehr viel besser geworden ist). Wie können diese Sorte Menschen nun erlernen, ihre Stimme der Intuition zu hören und zu vertrauen? Dazu gibt es einige Übungen, die ich Ihnen gerne in einem meiner nächsten Beiträge vorstellen möchte, aber eine Übung möchte ich heute schon mit Ihnen teilen, denn sie hilft mir wahnsinnig gut.


Wir alle waren schon einmal in einer Situation, wo sich alles gut angefühlt hat, wir haben uns rundherum wohl gefühlt, alles hat sich richtig und stimmig angefühlt. Und vielleicht können wir sogar rückblickend sagen, dass wir in dieser Situation genau das richtige gemacht haben. Begeben Sie sich für diese Übung in einen entspannten Zustand, schließen Sie die Augen und stellen Sie sich diese Situation vor Ihrem inneren Auge noch einmal vor. Werden Sie dabei so detailreich wie möglich. Wo waren Sie? Mit wem waren Sie dort? Welche Tageszeit war es, welche Jahreszeit? Was wurde gesprochen? Malen Sie sich diese Situation so realistisch wie möglich aus. Und wenn Sie diese Szene sehen können, dann spüren Sie einmal in Ihren Körper hinein. Wie hat sich Ihr Körper in dieser Situation angefühlt? Benennen Sie das Gefühl und beschreiben Sie es. Wo war das Gefühl hauptsächlich zu fühlen? Im Bauch? In der Brust? Im Kopf? Oder wo ganz anders? Versuchen Sie, Ihr Gefühl von damals so intensiv wie möglich noch einmal zu durchleben und zu beschreiben. Wenn Ihnen das gelungen ist, dürfen Sie aus Ihrem entspannten Zustand wieder in Ihr Hier und Jetzt zurückkehren.


Als nächstes schauen wir uns eine Situation an, in der sich alles falsch angefühlt hat. Alles war irgendwie unangenehm, nicht richtig, und vielleicht haben Sie in dieser Situation aus heutiger Sicht auch unangemessen gehandelt. Gehen Sie nun genau so wie bei der stimmigen Situation vor. Entspannen Sie sich und rufen Sie ein inneres Bild dieser Situation hervor. So detailgetreu wie möglich. Und auch hier schauen Sie sich Ihren Körper an. Was und wo hat Ihr Körper gefühlt? Und wenn Sie damit fertig sind, dürfen Sie sich wieder in den jetzigen Moment einfinden.


Nach diesen Imaginationen haben Sie eine Ahnung, wie sich Ihr Körper in den zwei unterschiedlichen Situationen anfühlt und dieses Wissen können Sie nun auf zukünftige Situationen anwenden. Dabei wünsche ich Ihnen viel Spaß!


Falls Sie noch Fragen zur Übung oder zu den Inhalten dieses Artikels haben, kontaktieren Sie mich gern hier über meine Website über das Kontaktformular.


Herzliche Grüße,

Wenke Kroschinsky


Quellen:

https://www.researchgate.net/publication/228299748_Affect_Risk_and_Decision_Making


https://scholar.google.de/scholar?hl=de&as_sdt=0%2C5&q=joseph+mikels+should+i+go+with+my+gut&btnG=

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