• wenkekroschinsky

Das Leben darf leicht sein - oder doch nicht?

Ich wache auf, fühle mich ausgeruht und energiegeladen. Der Tag liegt jungfräulich vor mir und ich freue mich auf die anstehenden Aufgaben und besonders auf das angenehme Gefühl am Ende des Tages, wenn ich was geschafft habe. Beim Warten auf das Durchlaufen des Kaffees spult mein Gehirn alle möglichen noch zu erledigenden Dinge ab. Erst drei, dann fünf, plötzlich sind es schon zehn und mein Kopf hört nicht auf, diese Liste zu verlängern. Ich seufze, denn mir wird schnell klar, dass ich das niemals an einem Tag schaffen kann. Leichter Unmut und Frustration macht sich breit, ich spüre ein Druck in der Magengegend und meine Nackenmuskulatur wird hart. Währenddessen wächst meine gedankliche To-do-Liste immer weiter und mit jeder neuen Aufgabe, die mir einfällt, wird meine Niedergeschlagenheit und Unlust größer. Habe ich mich noch vor wenigen Minuten auf den Tag gefreut, mich enthusiastisch und voller Elan gefühlt, so breitet sich in mir nun der immer größer werdende Wunsch aus, dass dieser Tag doch schon vorbei sein möge. Mittlerweile fühle ich mich wie unter Strom, mein Inneres bebt, mein Kopf drückt, meine Atmung ist flach. Ich atme tief ein und bewusst wieder aus. Mehrmals hintereinander, doch das entspannte, gelassene Gefühl will sich nicht einstellen. Ich suche mir eine Meditation, kuschele mich auf der Couch in Decken und Kissen, verfolge die Stimme, doch meine Gedanken rasen weiter, mein Körper ist wie steif. Ich breche die Meditation ab. Ich könnte heulen.


Man merkt nie, was schon getan wurde. Man sieht immer nur, was noch zu tun bleibt.

Marie Curie


Diese Szene kenne ich nur zu gut. Sie auch? Oft ging es dann so weiter: Ich bleibe auf der Couch liegen, kann mich zu nichts mehr aufraffen. Mein Kopf sagt mir, dass ich eh nicht alles schaffen würde, also kann ich es auch gleich sein lassen. Ich wüsste auch gar nicht, wo ich anfangen sollte. Ich mache den Fernseher an, lenke mich mit unnützen Serien ab. Bis zum Abend. Nun gesellt sich Unzufriedenheit hinzu. Und Wut. Wut auf mich selbst, weil ich wieder einmal einen Tag sinnlos hab verstreichen lassen. Weil ich wieder einmal nicht voran gekommen bin.


Mittlerweile habe ich eine Methode gefunden, die mir hilft, aus diesem Gedankenkarussell auszusteigen und die Reaktionskette zu unterbrechen. Vielleicht hilft sie auch Ihnen!?

Ich setze mich in einen Raum, wo ich die nächsten Minuten ungestört sein kann. Vor mir habe ich ein leeres Blatt Papier und einen Stift. Ich schließe die Augen und entspanne meinen Körper. Dafür gehe ich gedanklich von den Zehen bis zu der Kopfhaut alle Körperteile durch und schicke mit einem tiefen Atemzug die Entspannung hinein. Danach stelle ich mir den vor mir liegenden Tag vor und welche Aufgaben so alles auf mich warten. Diese Aufgaben schreibe ich hintereinander auf das Blatt. Dabei nehme ich keine Wertung wie zum Beispiel „Das schaffe ich heute eh nicht, das brauche ich gar nicht aufzuschreiben.“ vor. Es kommt alles auf den Zettel, was mir in den Sinn kommt. Nun schließe ich wieder die Augen und lasse meinen Körper mit meinem Atem abermals entspannen. Ich frage mich: „Was ist für heute wirklich wichtig? Was duldet keinen Aufschub? Was muss ich dringend erledigen, damit unser Familienleben nicht kollabiert? Was brauche ich heute nur für mich? Auf was habe ich so richtig Lust?“ Während ich mir diese Fragen stelle, markiere ich mit einem Textmarker all die Aufgaben, die diese Fragen mit einem JA beantworten. Nun kommt eine nächste Runde der achtsamen Atmung und Entspannung und den Fragen: „Welche von den markierten Aufgaben ist am wichtigsten? Welche dieser Dinge tun mir heute gut? Auf was davon habe ich so richtig Lust?“ Mit den Antworten bin ich in der Lage, die anstehenden Aufgaben zu rangieren, also sie durch zu nummerieren von 1 = sehr wichtig, absolut notwendig bis zu zum Beispiel 10 = nicht so schlimm, wenn ich das heute nicht mache. Damit habe ich eine To-do-Liste für diesen Tag, welche mir auch die Reihenfolge der Abarbeitung vorgibt.


Als ich diese Methode die ersten Male nutzte, bekamen vor allem die Aufgaben einen höheren Stellenwert, von denen ich dachte, ich müsste sie tun, um zum Beispiel eine gute Mutter oder eine gute Hausfrau zu sein. So startete ich oftmals mit Bad putzen, saugen, Essen kochen und am Ende des Tages war kaum noch Zeit übrig für die Dinge, auf die ich wirklich Lust hatte oder die mir gut taten. Das frustrierte mich und ich war kurz davor, diese Vorgehensweise als für mich nicht praktikabel zu verwerfen. Durch irgendeinen Podcast wurde ich dann darauf aufmerksam, dass ich den falschen Fragen zu viel Gewicht gebe und anderen Fragen zu wenig Bedeutung beimesse. Ich stellte fest, dass, wenn ich alles nur nach dem „Was ist jetzt wichtig?“-Prinzip einsortiere, ich bei der Verrichtung überhaupt keinen Spaß habe und sehr schnell in die Lustlosigkeit rutsche. Deswegen frage ich mich mittlerweile immer „Auf was habe ich so richtig Lust?“. Und die Antworten rangieren auf den ersten Plätzen. Sie denken jetzt sicher, dass man nicht immer nur das machen kann auf was man Lust hat, denn dann bleiben ja die unliebsamen Dinge bis in alle Ewigkeit liegen. So dachte ich auch, bis ich es ausprobiert habe. Denn es kommt tatsächlich vor, dass ich an manchen Tagen so richtig Lust auf Putzen habe, oder auf Wäsche waschen. Und wenn ich in dieser Stimmung diese Aufgaben erledige, gehen sie mir viel leichter von der Hand, als wenn ich mich dazu zwingen muss. Ich fühle mich leicht dabei und vor allem zufrieden.


Durch die Leidenschaften lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß.

Nicolas Chamfort


Immer wieder begegne ich dem Glauben, dass man nicht immer nur das machen kann, was einem Spaß macht und worauf man Lust hat. Auch ich habe mit diesem Glauben zu kämpfen. Doch wer schreibt uns eigentlich so etwas vor? Sprüche wie „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ kennen sie sicher auch und wurden uns bei jeder Unlust in der Kindheit vorgebetet. Wir haben sie so oft gehört, dass sie sich in unserem Gehirn regelrecht eingebrannt haben und wir sie im Erwachsenenleben kaum noch in Frage stellen. Jedoch lohnt es sich so sehr, die verinnerlichten Glaubenssätze nicht als die allumfassende Wahrheit hinzunehmen. Denn es ist unser Leben und nicht das Leben unserer Eltern oder unserer Großeltern. Wir haben ein Recht, ja sogar eine Pflicht dazu, uns ein eigenes Weltbild zu machen und dies können wir nur erreichen, wenn wir unsere erlernten Muster überdenken. Dafür können folgende Fragen hilfreich sein: „Ist dieser Gedanke meine Sichtweise?“, „Hilft mir dieser Gedanke in meiner jetzigen Situation?“, „Gibt es alternative Gedanken, welche hilfreicher wären?“.


Es ist das Schicksal jeder Generation, in einer Welt unter Bedingungen leben zu müssen, die sie nicht geschaffen haben.

John F. Kennedy


In einem Blog las ich, dass die Schreiberin sich keinerlei Ziele setzt oder Pläne macht, sondern jeden Tag das tut, was ihr Freude macht und was gerade ansteht. (hier der Link: https://silviachytil.com/darf-es-ueberhaupt-leicht-sein/) Mich faszinierte ihre Sichtweise. Dennoch kann ich mir derzeit noch nicht vorstellen, dass ich jeden Tag so lebe, dass er mir ausschließlich Spaß macht. Es gibt immer wieder Dinge, die ich tue, weil sie notwendig sind, sie mir aber keinen Spaß machen. Diese Tage, an denen ich etwas mache, weil ich denke, es wird von mir erwartet, werden allerdings immer weniger. Anfangs habe ich die oben beschriebene Methode nur am Wochenende angewandt, später auch an den Nachmittagen zu Hause und mittlerweile probiere ich es auch an ganz normalen Arbeitstagen aus. Und ich bin erstaunt, wie viel leichter es damit geht und trotzdem kaum die absolut notwendigen Tätigkeiten hinten runter fallen. Manchmal habe ich Phasen, wo ich zu überhaupt gar nichts Lust habe und ich gebe mich dem Müßiggang hin. Nach eins, zwei Tagen des fast nichts Tuns, kommt die Lust auf Aktivität von ganz alleine. Ja sogar die Lust auf sonst unliebsame Tätigkeiten stellt sich ein. Es gibt Tage, da möchte ich nicht mit anderen Menschen außerhalb meiner Familie in Kontakt treten. Ich ziehe mich zurück und auch hier stellt sich das Bedürfnis nach sozialen Interaktionen von selbst wieder ein und ich kann dem mit Freude und Interesse nachgehen. Heute war so ein beispielhafter Tag. Ich fühlte mich am Nachmittag antriebs- und lustlos. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die Betten frisch zu beziehen, aber alles in mir sträubte sich dagegen. Also horchte ich in mich hinein und spürte den Impuls, etwas im Garten machen zu wollen. Sofort meldete sich eine Stimme in meinem Kopf: „Es ist doch viel zu nass draußen. Außerdem ist es wirklich mal wieder an der Zeit, etwas im Haushalt zu tun. Jetzt reiß dich einfach mal zusammen.“ Ich ignorierte diese Stimme und ging in den Garten. Dies bescherte mir ein so großes Gefühl der Zufriedenheit, dass ich am Abend sogar noch Lust auf das Schreiben dieses Artikels habe. Ich habe also mehr getan, als ich mir vorgenommen habe. Mein Körper scheint ziemlich gut zu wissen, was er jetzt gerade braucht und schickt Signale. Leider haben die meisten von uns, auch ich, im Laufe ihres Lebens verlernt, diese Botschaften zu hören oder sie zu deuten oder ihnen zu folgen. Wir bewegen uns tagtäglich in einer Welt, welche Anforderungen an uns stellt und Erwartungen an uns hat. Wir versuchen diese von Außen auferlegten Ansprüche an uns zu erfüllen, ihnen gerecht zu werden. Wir möchten dadurch dazu gehören, gewertschätzt oder wenigstens nicht kritisiert und abgelehnt werden. Doch dabei bleiben unsere persönlichen Interessen und Potenziale oftmals auf der Strecke, können nicht ausgelebt werden und wir werden unzufrieden und missmutig. Doch wenn wir eigenverantwortlich leben wollen, tragen wir auch die Verantwortung für unser eigenes Wohlbefinden. Und dies sollte meiner Meinung nach immer an erster Stelle stehen.


Du bist nicht für das Universum verantwortlich, du bist verantwortlich für dich selbst.

Arnold Bennet


Vielleicht mögen Sie diese Methode einmal ausprobieren und ich würde mich sehr über Ihr Feedback und Ihre Erfahrungen damit freuen.


Herzlichst,

Wenke Kroschinsky

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