• wenkekroschinsky

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Kürzlich bin ich über folgendes Zitat von Hermann Hesse gestolpert: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Vielleicht liegt es am endenden und neu beginnenden Jahr, vielleicht daran, dass ich selbst in vielen Dingen an einem Anfang stehe, jedenfalls hat mich dieser Satz nicht mehr losgelassen und meine Gedanken nahmen die Bedeutung und die Tragweite dieser Aussage immer wieder auseinander. So entschloss ich mich, diese Reflexionen für die Nachwelt festzuhalten oder wenigstens meinen Kopf von diesen Gedankenkarussell zu befreien.


In jedem Ende liegt ein neuer Anfang.

Miguel de Unamuno


Bevor ich auf diesen Satz selbst eingehen kann, muss ich noch etwas ergänzen. Etwas, was unabdinglich zu einem Anfang dazu gehört. Das Ende. Denn, wenn etwas neu beginnt, dann impliziert dies, dass etwas anderes zu Ende ging. Wenn etwas aufhört, dann heißt es Abschied nehmen, loslassen, vielleicht von etwas oder jemanden, das/der uns sehr am Herzen liegt. Damit kommen unangenehme Gefühle. Gefühle, welche wir gerne vermeiden oder wenigstens verdrängen möchten. Doch viel sinnvoller wäre es, sich der Trauer, der Wut und auch der Angst zu stellen. Diese Gefühle wollen gefühlt werden und es macht keinen Sinn, sie zu ignorieren. Sie finden einen Weg, sich bemerkbar zu machen. Jedes dieser Gefühle hat eine Botschaft.

Trauer drückt aus, dass uns das Verlorene etwas bedeutet hat und der Verlust schmerzt.

Wut auf einen Verlust zeigt ebenfalls an, dass das, was zu Ende gegangen ist, eine Bedeutung für unser Leben hatte und wir uns schwer tun, uns eine Zukunft ohne dem vorzustellen. Wir wollen nicht wahrhaben, dass es vorbei ist. Wir bringen vielleicht Energie auf, um das Verlorene noch festzuhalten oder wieder zu bekommen. Im besten Fall nutzen wir die Energie der Wut, um uns zeitlich nach vorn zu orientieren.

Angst warnt uns vor möglichen unkalkulierbaren zukünftigen Gefahren. Angst macht uns wachsam und vorsichtig. Auch Angst vor unseren Gefühlen ist möglich, dass sie zu heftig sind, dass wir ihnen hilflos ausgeliefert sind, dass sie nicht wieder aufhören, dass sie uns überrollen und handlungsunfähig machen. Auch wenn es nicht gut wäre, wenn die Angst unser Lebenssteuer übernimmt, so sollten wir sie auch nicht gänzlich verbannen, sondern ihr einen Platz neben uns einräumen, so dass wir uns der Risiken bewusst sind und bei unseren Entscheidungen bedenken können.

All diese Gefühle können sich in kurzen Abständen abwechseln und es könnte einer Achterbahnfahrt gleichen. Doch ist so eine Achterbahn immer unangenehm? Gibt es uns nicht auch den gewissen Adrenalinkick? Könnte eine vorübergehende Achterbahnfahrt das Leben nicht auch kurzweiliger machen? Sollten wir vielleicht diese Achterbahnfahrt am Anfang von etwas Neuem genießen, denn, und dies ist gewiss, diese Achterbahnfahrt wird irgendwann aufhören, sobald wir uns an die neue Situation gewöhnt haben und uns damit arrangiert und darin eingerichtet haben. Dann kehrt wieder Ruhe in das Gefühlsleben, die Gedanken beruhigen sich, wir entwickeln Automatismen und Routinen, welche uns auf der einen Seite Sicherheit vermitteln, aber eben auf der anderen Seite wenig spektakulär sind. Wenn wir diese Achterbahnfahrt im positiven Sinne als aufregend und spannend annehmen können, so verschwindet die Angst, wir könnten aus dem Wagon fliegen und ohne Sicherheitsnetz ins bodenlose fallen.

Und noch ein Gefühl, welches bei einem Ende vorkommen kann, nein, vorkommen sollte, ist Dankbarkeit. Dankbar zu sein, für das, was man lernen durfte, für die Erfahrungen, die man machen durfte, für die Gefühle die man fühlen durfte. Denn alles das, was uns begegnet im Leben, macht aus uns den Menschen, der wir nun einmal heute sind.


Begegnest du der Einsamkeit – hab keine Angst!

Sie ist eine kostbare Hilfe, mit sich selbst Freundschaft zu schließen.

Tibetisches Sprichwort


Manchmal ist es notwendig, sich zurückzuziehen, wenn etwas endet und bevor etwas Neues beginnen kann. Ein Sprichwort besagt, dass „man seine Wunden leckt“, und so ähnlich ist es auch, wenn ein Ende mit großen unangenehmen Gefühlen einhergegangen ist. Die Wunden müssen erst heilen, es muss erst wieder neue Kraft getankt werden, bevor ein neuer Anfang überhaupt vorstellbar ist. Vor allem können wir in Phasen von Stille unsere Gedanken sortieren, uns klar machen, was wir in Zukunft wollen oder eben auch nicht wollen. Die Veränderung beginnt so nicht im Außen, sondern im Innern. Und indem wir uns abschirmen von der Außenwelt, schirmen wir uns auch für einen gewissen Zeitraum von der Beeinflussung des Außens ab. Wir wollen dann vielleicht niemanden um Rat fragen. Wir wollen keine Internetbeiträge lesen, wie wer solch eine Situation gemeistert hat, sondern wir wollen unseren eigenen Weg finden und das funktioniert oft nur in der Stille, wo wir uns unserem Inneren zuwenden können. In dieser Stille können wir uns selbst fragen, was wir aus dem, was zu Ende gegangen ist, gelernt haben. Welcher Vorteil hat dieses Ende für mich? Was lasse ich mit dem Ende hinter mir, was lasse ich los? Wie beeinflusst das Ende mein Denken, Fühlen und Handeln? Sind auch andere Personen von dem Ende betroffen und wenn ja, wie?


Du kannst nicht das nächste Kapitel deines Lebens beginnen,

wenn du ständig den letzten Abschnitt wiederholst.

Michael McMillian


Natürlich sollten wir irgendwann uns nicht nur mit dem Ende beschäftigen, sondern auch mit dem, was nun neu beginnen kann. Manchmal fängt etwas von heute auf morgen neu an. Manchmal ist es ein Prozess und das neu beginnende wächst erst heran. Wenn wir nicht so genau wissen, wo die Reise hingehen wird, fühlen wir uns verunsichert. Wir könnten den Eindruck haben, wir hätten keine Kontrolle über unsere Zukunft. Hierbei könnte es hilfreich sein, sich das Neue, was noch nicht da ist, mittels Tagträumen in den schillernsten Farben auszumalen. Wie würde ein Tag in meinem Leben aussehen, wenn der Anfang gemacht ist? Wo bin ich? Mit welchen Menschen bin ich dort? Was tue ich? Wie fühle ich mich? Was höre ich? Was wird neu sein? Was wird bekannt sein? Es gibt dabei unendlich viele Szenarien, die wir uns vorstellen können. In unserer Fantasie gibt es keine Grenzen. Und das größte Potenzial im Tagträumen liegt darin, dass unser Gehirn nicht zwischen real Erlebtem und Vorgestelltem unterscheiden kann. Dies kann bewirken, dass wir die Fähigkeiten, die wir uns in unserer Fantasie antrainieren, nach ausreichender Übung in unserer tatsächlichen Welt abrufbar und anwendbar sind. Selbstverständlich reicht es nicht, sich nur in seiner ausgedachten Welt zu erproben. Wenn wir nicht raus gehen, wenn wir nicht die Situationen aufsuchen, welche uns dem Neubeginn näher bringen, wenn wir nicht ins Handeln kommen, ja dann nützen uns die besten Fantasiegebilde nichts.


Was hilft aller Sonnenaufgang,

wenn wir nicht aufstehen.

Georg Christoph Lichtenberg


Wenn der Neuanfang etwas länger auf sich warten lässt, haben wir das Gefühl, wir hängen in der Luft, wir sind nicht Fisch und nicht Fleisch. Ein unschöner Zustand. Doch so sehr wir auch nach diesem Neuen suchen, es zeigt sich nicht. Oft habe ich dann von Menschen gehört, dass das Neue plötzlich da war, als sie aufgehört haben, danach zu suchen. Vor einigen Jahren habe ich noch den Kopf darüber geschüttelt und hab ihnen das nicht so recht abgenommen. Ein paar Enden und Neuanfänge später durfte ich selber die Erfahrungen machen, dass es stimmt. Das Zauberwort ist Loslassen, sich auf das Hier und Jetzt mit Achtsamkeit konzentrieren und so viel Dinge wie nur irgend möglich ausprobieren, welche einem Spaß machen oder welche man schon immer einmal ausprobieren wollte. Und irgendwie ergibt sich dann das ein oder andere. Man lernt neue Menschen kennen, welche einen mit ihren Gedanken und ihrem Tun inspirieren. Man findet Gefallen an den neu ausprobierten Dingen und vertieft sich in diese und es entsteht ein ganz neues Hobby. Neue Möglichkeiten ergeben sich, indem wir uns zeigen, indem wir mit anderen Menschen interagieren und ihnen unsere Gedanken und Wünsche erzählen.


Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken.

Marcus Aurelius


Wenn etwas endet und etwas Neues beginnt, dann bedeutet dies Veränderung. Unser Leben ist stetige Veränderung. Unser Leben steht nie still, so sehr wir uns das auch manchmal wünschen würden. Auch wenn wir uns eine Zeit lang von dem Geschehen auf der Welt zurückziehen, so dreht sich diese Welt doch weiter. Wir können die Veränderung nicht aufhalten, aber wir können die Veränderung so lenken, dass sich mit der Veränderung etwas in unserem Leben verbessert. Zum Beispiel können wir bei unseren Gedanken anfangen. Ständig bewertet unser Gehirn die Situationen, in denen wir uns befinden. Erst diese individuellen Bewertungen machen etwas gut oder schlecht. Ein und dieselbe Situation kann von zwei Menschen völlig unterschiedlich wahrgenommen und auch bewertet werden.

Stellen wir uns einmal einen Mann vor, verheiratet, 2 Kinder, Ehefrau kümmert sich um Haushalt und Kinder, sie haben ein Haus, der Mann arbeitet als Bankkaufmann Vollzeit. Eines Tages erhält der Mann die Kündigung von seiner Bank. Der Mann ist völlig entsetzt, kann es nicht glauben, dass er gekündigt wurde. Er fragt sich, wie er ab sofort seine Familie ernähren soll, wie er den Hauskredit tilgen soll. Er stellt sich vor, wie er seiner Frau von dieser Kündigung erzählt und diese ihm die Schuld an dieser Kündigung gibt, wie sie wütend wird und ihn beschimpft und ihm sagt, dass ein Mann ohne Arbeit kein vollwertiger Mann sei und mit so einem Mann wolle sie nicht zusammenleben. Und er sieht vor seinem inneren Auge, wie seine Frau ihre Sachen und die der Kinder zusammenpackt und ihm verkündet, sie würde ihn verlassen. Daraufhin würde er völlig in sich zusammenbrechen. Er würde sich mehrere Flaschen Schnaps kaufen, sich zu Hause einigeln und den Schmerz, die Wut und die Angst einfach ertränken. Er würde sich nicht um einen neuen Job kümmern, auch nicht um den Haushalt und um sich selbst. Und so weiter.

Nun stellen wir uns den gleichen Mann vor, welcher auch seine Kündigung erhält, aber in seinem Kopf spielt sich folgendes ab: Ich habe die Kündigung erhalten, wow, damit habe ich ja nicht gerechnet. Mir fällt irgendwie eine riesige Last ab. Schon lange gehe ich nicht mehr gerne zur Arbeit, schon lange überlege ich, ob ich was Neues wagen sollte. Jetzt hat mir die Bank die Entscheidung abgenommen. Bin ich erleichtert. Jetzt kann ich mich endlich selbstständig machen, kann mir meine Arbeitszeit flexibel einteilen. Das wird meine Frau freuen. Sie wünscht sich schon so lange, dass ich weniger arbeite und mehr für die Familie da bin. Endlich kann ich all das tun, was ich schon immer tun wollte.

Sie sehen sicherlich den Unterschied. Sehen sie auch, dass nur die bewertenden Gedanken verantwortlich für das Fühlen und das Handeln dieses Mannes sind? Schauen Sie doch einmal auf Ihren heutigen Tag. In welchen Situationen haben sie sich wie gefühlt? Und wäre auch ein anders Gefühl denkbar gewesen? Wenn ja, welche Bewertungen hätten Sie ändern müssen, um sich anders zu fühlen?


Misserfolg ist lediglich eine Gelegenheit,

mit neuen Ansichten noch einmal anzufangen.

Henry Ford


Manchmal haben wir schon oft versucht, eine bestimmte Sache neu zu beginnen und sind genauso oft gescheitert. Aus Angst davor, ein weiteres Mal zu scheitern, probieren wir es dann erst gar nicht wieder. Doch woher sollen wir wissen, ob wir beim nächsten Mal scheitern? Was macht uns so sicher, dass wir uns wieder so schlecht fühlen werden, wie bei den vorherigen Versuchen? Haben wir eine Kristallkugel, in der wir in die Zukunft schauen können? Und wie sagt man so schön: Übung macht den Meister. Bei jedem Versuch, eine bestimmte Sache zu verändern, haben wir Erfahrungen sammeln dürfen. Wir haben Fehler gemacht und wir haben ein und denselben Fehler auch öfter gemacht. Und beim nächsten Versuch haben wir möglicherweise aus diesem Fehler gelernt und machen es anders.


Jeder Tag ist eine neue Chance,

das zu tun, was tu möchtest.

Friedrich Schiller


Doch was hat es nun mit diesem Zauber auf sich, von dem Hermann Hesse spricht. Kennen Sie das Gefühl am 01.01. eines Jahres? Wenn das komplette Jahr noch völlig ungeschrieben vor einem liegt, wie ein Buch mit 365 leeren Seiten und wir sind diejenigen, die jeden Tag eine Seite füllen. Kennen Sie das Gefühl an einem Morgen, wenn gerade die Sonne aufgeht und alles noch still und unverbraucht ist und wir wissen, dass an diesem Tag alles passieren kann, was wir möchten. Alles erscheint möglich und das ist es auch. Wir fühlen uns euphorisch und können es kaum erwarten, endlich zu beginnen mit dem Neuem. Diese Euphorie ist ein sehr schönes Gefühl, so leicht und energievoll, so dass es uns passieren kann, dass wir nach diesem Gefühl gieren, dass wir dieses Gefühl immer und immer wieder verspüren möchten. Und das können wir auch. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde haben wir die Möglichkeit, neu zu wählen: Was möchten wir heute tun? Was möchten wir heute denken? Wie möchten wir uns heute fühlen? Jeden Tag können wir damit beginnen, unser Leben ein kleines bisschen mehr so zu gestalten, wie es uns gefällt und gut tut.


Falls Sie Fragen haben, dann schreiben Sie mir gerne über das Kontaktformular.



Herzliche Grüße,

Wenke Kroschinsky

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